Brajna Gerszater (auch Gershater)

  • Geb. am 06.04.1920
  • Geburtsort: Vilnius (Wilna) (Wilno), Polen
  • Kategorie: Diplomstudiengang
  • Heimatberechtigung: Vilnius (Wilno), Polen
  • Staatsbürgerschaft: Polen

Brajna (auch Braina) war Tochter des Kaufmanns Karriel (auch Katriel oder Kasriel) Gerszater (geb. 15. Dezember 1890 in Vilnius als Sohn von Meir Gerszater und Braina, deren Mädchenname Szmuljewicz bzw. Shmuilevich lautete) und dessen Gemahlin Anna oder Khana (geb. 1891 in Vilnius, Mädchenname Sztejnberg bzw. Shteinberg, Tochter der Nekhama Szejniuk bzw. Sheiniuk). Die Familie wohnte in der Ulica Sadowa 7-8 in Vilnius.

Brajnas Eltern haben in den zwanziger und dreißiger Jahren mehrfach Reisen in verschiedene Länder unternommen. Die Mutter unterzog sich in Deutschland, Frankreich, Italien sowie in Wien medizinischen Behandlungen, der Vater unternahm Geschäftsreisen nach Deutschland, Belgien, Frankreich und Palästina sowie in die Tschechoslowakei.

Brajna Geszater hat sich im Anschluss an den Besuch des Gymnasiums in der heute litauischen Stadt Vilnius, die zwischen ihrem Geburtsjahr 1920 und der Okkupation durch sowjetische Truppen im Gefolge des Hitler-Stalin-Pakts 1939 zur polnischen Republik gehörte, zum Wintersemester 1937/38 an der Wiener Hochschule für Welthandel eingeschrieben. Nur eine Woche nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich und dem „Anschluss“ des Landes an das „Dritte Reich“ hat die jüdische Studentin ihre Wohnung Alserbachstraße 11/12 (9. Wiener Gemeindebezirk) verlassen: Am 18. März 1938 ist sie nach Vilnius zurückgekehrt, wo ihr Vater in der Antokolska 116 im Holzhandel tätig war.

Das Schicksal der Familie Gerszater nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion inklusive Litauen im Juni 1941 lässt sich nicht genau rekonstruieren. Mit Sicherheit musste sie den Maßnahmen Folge leisten, die der Stadtkommissar in Vilnius, SA-Sturmbannführer Hans Christian Hingst, als Leiter der zivilen Besatzungsbehörden am 2. August 1941 für die jüdische Bevölkerung der Stadt anordnete, die zum neugegründeten Reichskommissariat Ostland gehörte: den stigmatisierenden gelben Davidsstern auf der Kleidung zu tragen, keine Gehsteige und Promenadenwege zu betreten, sich nicht in öffentlichen Grünanalgen aufzuhalten und sich nicht auf Sitzbänken auszuruhen; auch die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln war ihnen fortan untersagt. Mit größter Wahrscheinlichkeit musste auch Familie Gerszater ins Ghetto Vilnius ziehen, in das die Jüdinnen und Juden ab 6. September 1941 von den nationalsozialistischen „Sicherheits“-Kräften zwangsweise verbracht wurde. Als Indiz kann angeführt werden, dass es sich bei jener Brajna Gierszater, die sich am 9. Oktober 1941 zur Nutzung der Ghettobibliothek mit ihren 38.000 Büchern (Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 1152) anmeldete, mit hoher Wahrscheinlichkeit um die frühere Studentin der Wiener Hochschule für Welthandel handelte. Sie wohnte im sog. Großen Ghetto in der Bozackkowa 7/9 (heute Karmelitų gatvė).

Brajna und ihre Eltern sind der Shoah zum Opfer gefallen. Zumindest ihr Vater wurde wohl noch 1941 im südwestlich von Vilnius gelegenen Wald von Paneriai/Ponar (auch: Ponary) erschossen. Vor dem Krieg ein beliebter Ausflugsort für die Vilniusser Bevölkerung, wurde er von den Sowjets zur Lagerung von Benzin in tiefen Gruben genutzt. Unter den Nationalsozialisten wurde Ponar zur Hinrichtungsstätte für Zehntausende von Jüdinnen und Juden. Wie die Untergrundzeitung „Neged ha-zerem“ schon im Oktober 1941, also bald nach Beginn des Genozids, berichtete, wurden die Opfer in Ponar unter deutscher Aufsicht von litauischen Tätern zunächst bis auf die Unterwäsche ausgezogen und anschließend durch Gewehrschüsse ermordet; nachdem sodann die Leichname mit einer dünnen Erdschicht bedeckt worden waren, folgte „die nächste Lage von Verurteilten“ (zit. nach Hoppe/Glass 2011, S. 560, Dok. 202). Zutreffend bezeichnete der damals 14-jährige Yitskhok Rudashevski, der etwa zwei Jahre im Ghetto überleben konnte, 1943 jedoch ermordet werden sollte, Ponar in seinem Tagebuch als „das große Grab (…), ein Schlachthaus für Tausende Juden. (…) Ponar ist ein Albtraum, ein Albtraum, der den grauen Ablauf unserer Ghettotage begleitet. Ponar ist passiver Tod, das Wort enthält die Tragödie unserer Hilflosigkeit.“ (Rudashevski 2020, S. 47).

Ob Brajna und ihre Eltern im Ghetto von Vilnius oder in Ponar ermordet wurden oder ob sie in ein Arbeits- oder Vernichtungslager deportiert wurden, lässt sich aus Mangel an historischen Quellen nicht bestimmen. Tatsache ist, dass Familie Gerszater nicht das Kriegsende erlebt hat. Sie gehört zu den über 90 Prozent der litauischen Jüdinnen und Juden, die durch das NS-Regime ermordet wurden (Bubnys 2020, S. 418). Gut drei Viertel der etwa 70.000 Personen umfassenden jüdischen Bevölkerung, die sich unter Einschluss von Flüchtlingen in Vilnius aufhielten (Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 967), wurde bereits im Verlauf der zweiten Hälfte des Jahres 1941 in Ponar von deutschen Nationalsozialisten, unter denen der Österreicher Franz Murer als „Schlächter von Wilna“ eine führende Funktion innehatte, und baltischen Kollaborateuren getötet. Bis September 1943 wurden in ganz Litauen unter deutscher Herrschaft geschätzt 156.000 Jüdinnen und Juden ermordet (ebd., S. 1009), nur ganz wenige überlebten die Shoah. Familie Gerszater gehörte nicht dazu.

 

Autor: Johannes Koll

Quellenhinweise

Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsarchiv, Studierendenkarteikarte.
Meldeauskunft des Wiener Stadt- und Landesarchivs, GZ MA 8 – B-MEW –174107-2022.
Lietuvos centrinis valstybės archyvas: 53/6/504, 632, 505, 614, 53/7/7229, 8712, 53/7/7219, 8762, 53/8/515, 3620, 8730, 8759, 53/8/514, 2092, 3566, 8731, hier nach: Lithuanian-Jewish Special Interest Group: Lithuania Internal Passports Database, 1919-1940, aufgerufen über JewishGen. The Global Home for Jewish Genealogy, http://www.jewishgen.org [28. Januar 2022].
Lietuvos centrinis valstybės archyvas, R-1421/1/353, Best. 1625, Bl. 29, hier nach Lithuanian-Jewish Special Interest Group: Tax and Voters List, aufgerufen über JewishGen. The Global Home for Jewish Genealogy, http://www.jewishgen.org [28. Januar 2022] zur Ghettobibliothek.
Bert Hoppe/Hildrun Glass (Bearb.): Sowjetunion mit annektierten Gebieten I (= Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 7), München 2011.
Yitskhok Rudashevski: Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna Juni 1941 – April 1943, hrsg. von Wolf Kaiser (= Studien und Dokumente zur Holocaust- und Lagerliteratur, Bd. 9), Berlin 2020.
Christoph Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944, 2 Bde., Göttingen 2011.
The Central Database of Shoah Victims’ Names, https://yvng.yadvashem.org/ zu Braina, Anna, Katriel und Kasriel Gerschater bzw. Gershater [24. Januar 2022].
United States Holocaust Memorial Museum: Holocaust Survivors and Victims Database, URL: http://www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=4569689 [3. Februar 2022], Eintrag zu Katriel Gershater.
Arūnas Bubnys: The Holocaust in Lithuania 1941-1944, in: Vladas Sirutavičius/Darius Staliūnas/Jurgita Šiaučiūnaitė-Verbickienė (Hrsg.): The history of Jews in Lithuania. From the Middle Ages to the 1990s, Paderborn 2020, S. 395-418.

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