Dfkm. Leo Färber

  • Geb. am 10.04.1897
  • Geburtsort: Fratting (Vratěnín),
  • Kategorie: Doktorratsstudiengang
  • Staatsbürgerschaft: Österreich

Leo war Sohn von Julie und Adolf Färber. Mit Unterbrechungen war er zwischen 1919 und 1932 an der Hochschule für Welthandel inskribiert. Hier hat er im November 1924 die Diplomprüfung absolviert.

Seine Promotion fiel in den Zeitraum des 'Anschlusses' Österreichs: Das Erste Rigorosum konnte er im Wintersemester 1937/38 ablegen, das Zweite Rigorosum hingegen erst im Juli 1938. Dabei gehörte Färber zu den wenigen jüdischen Doktoranden, denen vom NS-Regime gestattet wurde, nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich ihre Promotion abzuschließen; dies hatte im Laufe des Sommersemesters 1938 zu geschehen. So war Färber einer der sieben jüdischen DoktorandInnen, die am 12. Juli 1938 an der 'Welthandel' promoviert wurden. Entsprechend einer Anordnung des österreichischen Ministeriums für innere und kulturelle Angelegenheiten, das damals unter der Aufsicht von Reichsstatthalter Arthur Seyss-Inquart stand, unterlag die Promotion von jüdischen Doktorandinnen und Doktoranden einer Reihe von Einschränkungen, die diesem akademischen Ereignis jede Würde nehmen sollten:

  • die Promotion hatte unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattzufinden;
  • die Kandidatinnen und Kandidaten durften Verwandten oder Bekannten keine Einladungen zur Promotion zukommen lassen;
  • die akademischen Funktionsträger wie Rektor und Promotor waren gehalten, nicht im Talar aufzutreten;
  • und anstelle der üblichen mündlichen Sponsion hatten die jüdischen DoktorandInnen das Gelöbnis schriftlich abzulegen, indem sie ein vorgedrucktes Formular unterzeichneten.
  • Ansprachen waren nicht zugelassen.

Färbers Antrag auf Befreiung von der Verpflichtung zum Druck der Dissertation über Die Korrelation zwischen Frachtkosten und Absatzfähigkeit der land- und forstwirtschaftlichen Produkte und ihr Einfluß auf die österreichische Agrarwirtschaft wurde vom Professorenkollegium abgelehnt, während ein gleichlautender Antrag eines nicht-jüdischen Doktoranden zum selben Zeitpunkt sehr wohl genehmigt wurde. Dabei war laut § 5 der Promotionsordnung die Möglichkeit gegeben, dass ein Doktorand, der "aus wirtschaftlichen Gründen außerstande ist, die Abhandlung auch nur auszugsweise zu veröffentlichen" und obendrein darlegen konnte, "daß er durch den Aufschub der Promotion ernsten Schaden erleiden würde", von der Veröffentlichungspflicht befreit werden konnte. Obwohl die jüdische Bevölkerung der 'Ostmark' zu diesem Zeitpunkt vom NS-Regime systematisch ihrer Vermögenswerte beraubt wurde, wurde Färber vom Professorenkollegium ausdrücklich verpflichtet, seine Doktorarbeit im Umfang von drei Druckbögen zu publizieren. Im Einvernehmen mit seinen Gutachtern, den Professoren Franz Dörfel und Karl Oberparleiter, wurde die Arbeit schließlich allerdings im Umfang von zwei Druckbögen veröffentlicht. Gegenüber der Manuskriptfassung, die Färber einst bei der Hochschule eingereicht hatte, wurde in der gedruckten Fassung das Wort "österreichisch" gestrichen - erinnerte dieses Adjektiv doch an eine Eigenstaatlichkeit, die mit dem 'Anschluss' aus politischen Gründen nicht mehr erwünscht war.

Die Wohnung in der Georg-Siegel-Gasse 9/4 (9. Wiener Gemeindebezirk), in der er seit 1912 gelebt hatte, verließ Färber Mitte Februar 1939, um sich nach Belgien abzusetzen. Vermutlich im Gefolge des Westfeldzugs wurde Färber von den Nationalsozialisten jedoch wieder eingeholt: Er wurde gefangen genommen und zwölf Monate lang im Konzentrationslager Gurs (Südfrankreich) interniert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Färber nach Wien zurück. Mit Blick auf die Verfolgung, der er in der NS-Zeit ausgesetzt gewesen war, erhielt er über den "Fonds zur Hilfeleistung an politisch Verfolgte (Hilfsfonds)" eine Entschädigungszahlung.

 

Autor: Johannes Koll

Quellenhinweise

Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsarchiv, Studierendenkarteikarte und Akt Doktoren.
Wirtschaftsuniversität Wien, Archiv, Professorenkollegiumssitzung zum 5. Juli 1938.
Wirtschaftsuniversität Wien, Katalog der Hauptbibliothek.
Meldeauskunft des Wiener Stadt- und Landesarchivs, GZ MA 8 – B-MRW-139676/2013.
Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Finanzen, HF, Zl. 3912.

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