Dr. Dkfm. Franz Josef Maria Krusche

  • Geb. am 08.09.1903
  • Kategorie: Aberkennung akad. Grade
  • Heimatberechtigung: Wien (Wien), Österreich
  • Staatsbürgerschaft: Österreich

Krusche, dessen Vater Franz Josef in der Ägidigasse 6 (6. Wiener Gemeindebezirk) ein Juweliergeschäft führte, hatte 1930 an der Hochschule für Welthandel die Diplomprüfung abgelegt. Im Juli 1935 war er mit einer Dissertation über das Thema Der Standort des Wiener Einzelhandels. Eine Untersuchung der Betriebsdichte zum Doktor der Handelswissenschaften promoviert worden.

Nach der Promotion arbeitete Krusche zunächst in der Buchhaltung einer Molkerei in Gföhl (Niederösterreich). Anschließend war er in der Generaldirektion der Bundesbahnen Österreich sowie ab 1935 als kaufmännischer Beamter bei der Österreichisch-Alpinen Montangesellschaft (heute voestalpine AG) tätig.

Schon im April 1938, also sehr bald nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich, wurde Krusche aus dem Dienst der Bundesbahnen, in den er 1937 nach zwei Jahren Tätigkeit für die Montangesellschaft zurückgekehrt war, entlassen. Der Grund lag in seiner engen Verbindung zum Katholizismus und zum sogenannten Ständestaat. So war Krusche Mitglied der Vaterländischen Front gewesen, die unter Bundeskanzler Kurt Schuschnigg zur Einheitspartei des austrofaschistischen Staatswesens aufgebaut worden war. Außerdem hatte er seit Beginn seines Studiums der Katholischen Deutschen Studentenverbindung „Pflug“ angehört, einer Tochterverbindung der „Franco-Bavaria“. An der Gründung von „Pflug“ war seinerzeit der christlichsoziale Politiker Friedrich (genannt: Fritz) Stockinger beteiligt gewesen, der zwischen Mai 1933 und November 1936 österreichischer Minister für Handel und Verkehr gewesen war. Seinen Lebensunterhalt verdiente Krusche vermutlich dadurch, dass er im Juweliergeschäft seines Vaters Anstellung fand.

Das Verhältnis zu Stockinger brachte Krusche nach dem „Anschluss“ Österreichs in Konflikt mit dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat. Unter dem Vorwurf, er habe Stockinger nach dessen Flucht aus dem Großdeutschen Reich in Paris besucht, wurde Krusche im Juli 1939 im Anschluss an eine Hausdurchsuchung von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet und im "Grauen Haus", dem Gefängnis des Wiener Landgerichts, interniert. Die Anklage warf ihm vor, im Kontext seiner konspirativen Kontakte zu Stockinger und dessen Vertrauten in Ungarn und in der Schweiz die Meinung vertreten zu haben, dass das NS-Regime „nicht mehr von langer Dauer sein könne“. Dies wurde als Verstoß gegen Art. 1, § 1 des Gesetzes gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniform gewertet, mit dem das totalitäre NS-System seit 1934 auf pseudolegalem Weg jede Kritik und jeden Widerstand im Keim ersticken wollte. In dem genannten Paragraphen hieß es unter anderem: "Wer vorsätzlich eine unwahre oder gröblich entstellte Behauptung tatsächlicher Art aufstellt oder verbreitet, die geeignet ist, das Wohl des Reichs oder das Ansehen der Reichsregierung oder das der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei oder ihrer Gliederungen schwer zu schädigen, wird, soweit nicht in anderen Vorschriften eine schwerere Strafe angedroht ist, mit Gefängnis bis zu zwei Jahren und, wenn er die Behauptung öffentlich aufstellt oder verbreitet, mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft." Auf dieser Grundlage wurde Krusche am 28. Dezember 1939 wegen Widerstands gegen das nationalsozialistische Regime zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.

Der damalige Rektor der Hochschule für Welthandel Kurt Knoll nahm das Urteil am 24. September 1940 zum Anlass, bei Reichserziehungsminister Bernhard Rust die Aberkennung von Diplom- und Doktorgrad zu beantragen. Diesem Ansinnen gab der Minister am 25. Oktober 1940 statt. Dabei berief er sich auf das Gesetz über die Führung akademischer Grade vom 7. Juni 1939. In dessen § 4 hieß es, dass ein akademischer Grad durch eine deutsche Hochschule wieder entzogen werden konnte, "wenn sich der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung eines akademischen Grades unwürdig erwiesen" habe. Dies war mit der Verurteilung auf Grund des oben genannten Heimtückegesetzes der Fall. Ein Ansuchen um Aufhebung dieser Entscheidung, das Krusche nach der Haftentlassung (13. Januar 1941) stellte, wurde am 29. August 1941 vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (Berlin) zurückgewiesen, nachdem sich Knoll entschieden gegen Krusches Antrag ausgesprochen hatte.

Nach der Entlassung aus der Haft kehrte Krusche nicht in seine frühere Wohnung in der Mariahilfer Straße 152/6 (14. Wiener Gemeindebezirk) zurück, sondern bezog für dreieinhalb Wochen die Wohnung in der Göttweihergasse 12/10 (1. Bezirk). Anschließend begab er sich zunächst in den Pinzgau (Gau Salzburg), später nach Innsbruck, wo er in der Kaiser Franz Josefstraße 14 gemeldet war. Ende Dezember 1946 kehrte er nach Wien zurück.

Der Doktortitel wurde Krusche nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zuerkannt (vom Diplomgrad war hier allerdings nicht die Rede), und zwar rückwirkend zum 16. Oktober 1941. Einen entsprechenden Beschluss fasste das Professorenkollegium auf seiner Sitzung vom 28. Juli 1945; dabei stützte es sich auf Verordnung 78/1945 des österreichischen Staatsamtes für Volksaufklärung, für Unterricht und Erziehung und für Kulturangelegenheiten. Die entsprechende Mitteilung, die Rektor Franz Dörfel am 16. August 1945 auf einem wenig ansprechenden, durchlöcherten Briefpapier versandte, konnte aber nicht zugestellt werden, da Krusche zu diesem Zeitpunkt nicht in Wien wohnte. Recherchen nach Krusches aktueller Adresse scheint die Hochschule nicht veranlasst zu haben. Bis zum 17. April 2015 lagerte der Brief des Rektors jedenfalls ungeöffnet im Universitätsarchiv der WU Wien.

Nach dem Krieg war Dr. Dkfm. Franz Krusche in den österreichischen Bundesministerien für Inneres und für Verkehr tätig, zuletzt im Rang eines Ministerialrats.

Krusche war seit 1930 mit Olga Piffl verheiratet, die 1904 in Zwittau/Svitavy (Mähren) geboren worden war. Er verstarb am 13. Dezember 1967 in Klosterneuburg. Seine letzte Ruhestätte fand er in Altlengbach.

 

Autor: Johannes Koll

Quellenhinweise

Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsarchiv, Studierendenkarteikarte sowie Karteikarten-Sonderbestand "Disziplinarmaßnahmen 1934 ff.".
Bundesarchiv Berlin, R 4901/25828.
Gerhard Hartmann: Friedrich Stockinger, in: Biographisches Lexikon des Österreichischen Cartellverbands, http://www.oecv.at/Biolex/Detail/11600340 [Stand: 12. Dezember 2017, Zugriff: 25. Mai 2018].
Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsarchiv, Protokoll der Sitzung des Professorenkollegiums vom 28. Juli 1945.
Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsarchiv, Präsidialakte Zl. 80/1945.
Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsarchiv, Protokoll des Professorenkollegiums vom 9. März 1946, Zl. 390/46.
Meldeauskunft des Wiener Stadt- und Landesarchivs, GZ MA 8 – B-MEW – 755043/2013.
Österreichischer Schreibkalender 1949 – „Der alte Krakauer Schreibkalender“, 307. Jahrgang, Ausgabe B für Wien, Wien 1948, S. 83 und 100 f.
Österreichischer Schreibkalender 1950 – „Der alte Krakauer Schreibkalender“, 308. Jahrgang, Wien 1949, S. 68.
E-Mail Marktgemeinde Altlengbach an Mag. Karl Wolfgang Schrammel vom 5. Juni 2018.

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