Friederike Maria Burian
- Geb. am: 16.08.1919
- Geburtsort: Wien
- Kategorie: Diplomstudiengang
- Heimatberechtigung: Wien (Wien), Österreich
- Staatsbürgerschaft: Deutsches Reich / Ostmark / Österreich
Friederike Maria Burian kam am 16. August 1919 im Alservorstadtkrankenhaus (8. Wiener Gemeindebezirk) zur Welt. Sie war die Zwillingsschwester von Gottfried Wolfgang Burian. Drei Tage nach ihrer Geburt wurden die Geschwister nach römisch-katholischem Ritus getauft. Als Eltern wurden im Taufbuch Josefine Alexander (geb. 13. Mai 1890 im böhmischen Bezirk Königliche Weinberge/Okresní hejtmanství Královské Vinohrady) und der Arzt Dr. Leopold Viktor Burian (5. Februar 1885 in Wien bis 28. Dezember 1953) genannt, der altkatholischen Glaubens war, im Jahr 1930 die Leitung der neu gegründeten internistischen Abteilung des von der katholischen Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen geführten St. Josef-Krankenhauses (Auhofstraße 189, 13. Wiener Gemeindebezirk) übernahm und hier auch bis 1951 als ärztlicher Direktor fungierte, und der eine Ordination in der Burggasse 111 (7. Bezirk) betrieb. Am 12. Juni 1930 empfingen Friederike und Gottfried das Sakrament der Firmung.
Nach dem Besuch eines Realgymnasiums im 3. Wiener Gemeindebezirk immatrikulierte sich Friederike zum Wintersemester 1938/39 an der Hochschule für Welthandel. Hier absolvierte sie zunächst den sechssemestrigen Diplomstudiengang; hierfür war sie bis zum Herbsttrimester 1940 als ordentliche Studentin inskribiert. Die Diplomprüfung für Kaufleute legte sie im Frühjahr 1941 ab, die Diplomurkunde wurde ihr am 30. April ausgestellt.
Unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Herrschaft war sie allerdings struktureller Diskriminierung ausgesetzt: Ihr Großvater, der Jurist und Verwaltungsrat der Union-Braugesellschaft sowie der Österreichischen Central-Bodencreditbank Dr. Maximilian Burian (1. Februar 1836 bis 4. November 1890), gehörte der jüdischen Glaubensgemeinschaft an. Er hatte am 24. April 1884 im israelitischen Bethaus der Wiener Vorortgemeinde Fünfhaus Rachel Marie (geb. 12. Mai 1855 in der böhmischen Kleinstadt Wotitz/Votice, Mädchenname Alexander, gest. nach Dezember 1891) geheiratet und war am 6. November 1890 auf der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs (Simmeringer Hauptstraße 234, 11. Bezirk) bestattet worden. Obwohl Rachel Marie 1885 aus der Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten war, galt ihre Enkelin Friederike den Nationalsozialisten noch Jahrzehnte später als ‚Mischling zweiten Grades‘. Deshalb bedurfte sie zum Studium und zur Ablegung von Prüfungen einer behördlichen Genehmigung. Diese wurde ihr am 22. Februar 1941 vom Reichswissenschaftsministerium erteilt.
Bemerkenswerterweise schloss Friederike Burian ungeachtet der Tatsache, dass sie als ‚Vierteljüdin‘ gegenüber ihren ‚arischen‘ Studienkollegen und -kolleginnen schlechter gestellt war, an ihr Diplomstudium ein Studium an der Südost-Stiftung des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages Berlin zur Heranbildung junger Kaufleute für Südost-Europa an, die im Frühjahr 1940 unter dem fanatischen NS-Rektor Kurt Knoll an der Hochschule für Welthandel eingerichtet worden war. Diesen dezidiert nationalsozialistisch ausgerichteten Studiengang, der vier Semester umfasste, hat sie allerdings nicht abgeschlossen.
Stattdessen wurde Friederike Burian 1943 an der Hochschule für Welthandel zum Doktoratsstudium zugelassen. Vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs war sie allerdings nur für ihr 7. Studiensemester inskribiert, im August 1944 wurde sie amtlich exmatrikuliert. Fortgesetzt und abgeschlossen hat sie ihr Doktoratsstudium erst nach Kriegsende. Mit Unterbrechungen war sie hierfür bis zum Sommersemester 1950 inskribiert. Im Dezember 1951 wurde sie auf der Grundlage der beiden obligatorischen Rigorosen und ihrer Dissertation „Klosterneuburg“. Der XXVI. Wiener Gemeindebezirk. Eine wirtschaftsgeographische und wirtschaftsstrukturelle Untersuchung, die von den Professoren Hermann Leiter (Wirtschaftsgeografie) und Karl Oberparleiter (Betriebswirtschaftslehre) betreut wurde, zur Doktorin der Handelswissenschaften promoviert. Nachdem Friederike Burian vier Exemplare ihrer Dissertation bei der Hochschule eingereicht hatte, wurde ihr – mit erheblichem zeitlichem Abstand – am 7. Mai 1955 die Urkunde ausgefolgt. Die letzte Verbindung zu ihrer Alma mater datiert aus den Jahren 1959 und 1960: Damals absolvierte sie das sogenannte Lehrerseminar, mit dem die Hochschule für Welthandel Lehrer und Lehrerinnen für die mittleren kaufmännischen Lehranstalten in Österreich ausbildete.
Während des Studiums wohnte Friederike Burian in der Wohnung des Vaters in der Hohen Warte 25 (19. Wiener Gemeindebezirk). Gelegentlich hielt sie sich allerdings auch in der Villa Burian (Seebichlweg 23) im tirolerischen Kitzbühel auf; offiziell gemeldet war sie hier ab Oktober 1944 sowie ab Juli 1965.
Wie seine Schwester galt auch Gottfried Burian den Nationalsozialisten als ‚Mischling‘, und wie Friederike unterlag auch er bei seinem Studium rassistisch motivierten Schikanen von Seiten der NS-Behörden. Gottfried hatte im Wintersemester 1937/38 an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien inskribiert, sah sich aber nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs an das ‚Dritte Reich‘ (März 1938) gezwungen, beim Reichswissenschaftsministerium einen Antrag auf Zulassung zum Studium zu stellen. Derselben Prozedur musste er sich unterziehen, als er nach einer kurzen Unterbrechung des Studiums wegen des Wehrdienstes, aus dem er aus gesundheitlichen Gründen nach fünf Monaten entlassen wurde, ein Sprachenstudium an der Philosophischen Fakultät derselben Universität aufnehmen wollte. Dieses Gesuch wurde im Februar 1942 vom Berliner Ministerium zurückgewiesen. Aus dem Englisch- und Romanistikstudium scheint somit nichts geworden zu sein. Nachdem aber 1942 die Entscheidung über die Zulassung von ‚Mischlingen‘ zum Studium vom Wissenschaftsministerium an die Universitäten verlagert worden war, gestattete ihm die Wiener Universität, sein Medizinstudium ab November 1943 fortzusetzen. Tatsächlich lässt sich bis 1945 seine Teilnahme am Studium belegen. Doch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus hat Gottfried aus unbekannten Gründen das Studium abgebrochen.
Am 5. Juli 1976 ist Friederike Burian im Alter von 56 Jahren gestorben. Genau eine Woche später wurde sie auf dem Friedhof Hietzing (Maxingstraße 15, 13. Bezirk) begraben. Ihr Grab liegt direkt neben jenem ihres Vaters, der hier am 2. Januar 1954 beigesetzt wurde. Ihr Bruder hingegen fand seine letzte Ruhestätte auf dem Wiener Zentralfriedhof, wo er am 7. November 1989 bestattet wurde.
Autor: Johannes Koll
Für die Erlaubnis, die Fotografie der Villa Burian (Stadtarchiv Kitzbühel, Sign. Korn/982) aufnehmen zu dürfen bedanke ich mich bei Herrn Markus Korn (Kitzbühel). Die Aufnahme wurde in den 1920er oder 1930er Jahren von seinem Großvater Franz Angerer oder seiner Großmutter Henry Angerer angefertigt.
Quellenhinweise
Matricula Online, Geburts- und Taufbuch des Alservorstadtkrankenhauses (Wien 08), Einträge 3000 und 3001, https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/08-alservorstadtkrankenhaus/01-247/?pg=125 [26. März 2026].
Geni.com, Eintrag von Randy Schoenberg zu Leopold Victor Burian, Stand: 29. April 2022, http://www.geni.com/people/Leopold-Victor-Burian/6000000007014397744 [26. März 2026].
Sr. Ulrike Musick, Societas Divini Salvatoris: 120 Jahre Wirken der Salvatorianerinnen in Österreich 1899-2019 (= Archiv-Publikationen der österreichischen Provinz der Salvatorianerinnen, H. Februar 2020/1, online unter https://salvatorianerinnen.at/wp-content/uploads/2020/08/archivp120oe.pdf [27. März 2026] mit einem Foto von Dr. Leopold Burian auf S. 22.
Wiener Adreßbuch. Lehmanns Wohnungsanzeiger 1938, 79. Jahrgang, Bd. 1, Wien 1938, Teil I, S. 142 zur Wiener Ordination von Dr. Leopold Burian.
Wirtschaftsuniversität Wien, Studierendenkarteikarte, Diplomprüfungsprotokoll reichsdeutsche Ordnung, Bd. II, Nr. 66, Prüfung vom 26.03.1941 und Promotionsakt.
Neue Freie Presse, Abendblatt, Nr. 9411 vom 05.11.1890, S. 4, Todesanzeige Dr. Max Burian.
Geni.com: Eintrag zu Rachel Marie Burian von Randy Schoenberg vom 3. Dezember 2009, http://www.geni.com/people/Rachel-Marie-Burian/6000000007014440890 [1. April 2026].
GenTeam. Die genealogische Datenbank: Jüdische Grabsteine, http://www.genteam.at/de/ [1. April 2026] zu Maximilian Burian.
GenTeam. Die genealogische Datenbank, Austritte aus der IKG 1868-1914, http://www.genteam.at/de/ [1. April 2026] zu Rachel Marie Burian.
Roumiana Preshlenova: Elitenbildung. Die „Südoststiftung des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags Berlin an der Hochschule für Welthandel in Wien“, in: Carola Sachse (Hrsg.): „Mitteleuropa“ und „Südosteuropa“ als Planungsraum. Wirtschafts- und kulturpolitische Expertisen im Zeitalter der Weltkriege (= Diktaturen und ihre Überwindung im 20. und 21. Jahrhundert, Bd. 4), Göttingen 2010, S. 391-417.
Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsbibliothek, Sign. 60556-C.
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Meldezettel zu Friederike Burian vom 30. Oktober 1940, MA 8 – B-MEW-473578-2026.
E-Mail von Marianne Erber (Stadtarchiv Kitzbühel) an PD Dr. Johannes Koll (Wirtschaftsuniversität Wien) vom 27. März 2026.
Herbert Posch: Eintrag über Gottfried Burian im Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938, https://gedenkbuch.univie.ac.at/page/19/person/gottfried-burian [31. März 2026].
Friedhöfe Wien, Verstorbenensuche zu Friederike, Leopold und Gottfried Burian, http://www.friedhoefewien.at/verstorbenensuche [26. März 2026].


