Andor Beretvás / Andreas Bottenstein

  • Geb. am: 8.11.1900
  • Geburtsort: Budapest
  • Kategorie: Doktorratsstudiengang
  • Heimatberechtigung: Budapest (Budapest), Ungarn
  • Staatsbürgerschaft: Ungarn

Herkunft und Studium

Andreas Bottenstein, der im August 1935 seinen Namen in Andor Beretvás magyarisierte, war Sohn des Budapester Ingenieurs Gyula (auch: Julius Andor, geb. 13. Juni 1869 in der damals ungarischen, heute slowakischen Gemeinde Rakovec nad Ondavou als Sohn von Moricz und Malvine Bottenstein) und der Malvine Bottenstein (geb. 7. Oktober 1876, gest. 11. November 1929 in Budapest, Mädchenname Guttmann). Die Eltern hatten einander am 25. Januar 1900 in Budapest geheiratet. Mit Erzsébet (1901 bis 1976) hatte Andreas/Andor eine Schwester.

Nach dem Besuch eines Gymnasiums in Budapest schrieb sich Andreas Bottenstein an der Wiener Hochschule für Welthandel ein. Unter Einschluss des auf den Diplomstudiengang vorbereitenden Abiturientenkurses war er hier zwischen dem Studienjahr 1920/21 und dem Sommersemester 1922 immatrikuliert. Am 1. Dezember 1922 schloss er den Diplomstudiengang mit genügendem Erfolg ab. Während des Studiums wohnte Andreas Bottenstein in der Gentzgasse 130/6 (18. Wiener Gemeindebezirk). Nachdem die österreichische Bundesregierung im März 1936 mit der sogenannten Diplomkaufmannsverordnung eine solide rechtliche Grundlage für den Titel eines Diplomkaufmanns geschaffen hatte, wurde ihm im Juli desselben Jahres erlaubt, diesen Titel offiziell zu führen. Ein Jahr später wurde er in Budapest nach Ablegung einer entsprechenden Prüfung zum beeideten Sachverständigen für Buchführung ernannt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war er zum römisch-katholischen Glauben konvertiert.

Desungeachtet wurde Andor Beretvás von den Nationalsozialisten weiterhin als jüdisch angesehen. Deshalb wurde ihm im Zuge rassistischer Verfolgung nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs an das Deutsche Reich (März 1938) der Abschluss des Doktoratsstudiums verwehrt, für das es mit zeitlichen Unterbrechungen zwischen dem Wintersemester 1932/33 und dem Wintersemester 1936/37 an der ‚Welthandel‘ inskribiert gewesen war. Nachdem Beretvás seine Dissertation über das Thema Hamburg, Triest und Gdingen. Eine Gegenüberstellung zur Begutachtung bei den Professoren Bruno Dietrich und Hermann Leiter eingereicht hatte und 1937 zweimal am Ersten Rigorosum gescheitert war, wurde ihm die Fortsetzung seiner Bemühungen, den Titel eines Doktors der Handelswissenschaften zu erwerben, unter dem NS-Regime mit der lapidaren ‚Begründung‘ verweigert: „Da mosaisch [,] zu den weiteren Prüfungen nicht zugelassen.“ 

 

Emigration in die USA

Als die Hochschule für Welthandel diese Notiz Ende Januar 1942 in seine Studienunterlagen aufnahm, befand sich Beretvás schon lange im amerikanischen Exil. Mit seiner Ehefrau Illona Maria Aloysia (auch: Helen oder Helene, geb. 16. Februar 1907 in Budapest, Mädchenname Sellei), die er am 24. August 1935 in Budapest geheiratet hatte, gelangte Andor am 8. April 1939 von der südenglischen Hafenstadt Southampton aus auf der S.S. Bremen, die von der Norddeutschen Lloyd betrieben wurde, in die Vereinigten Staaten. Sechs Tage später kam das Paar in Ellis Island (New York) an, wo sich die Einreisebehörde der USA befand; ihre Visa waren am 14. März 1939 in der ungarischen Hauptstadt ausgestellt worden.

Bei ihrer Entscheidung zugunsten der Auswanderung wird wohl eine Rolle gespielt haben, dass der Antisemitismus nicht nur im Deutschen Reich, zu dem seit dem ‚Anschluss‘ auch Österreich gehörte, sondern ab 1938 auch in Ungarn zunahm. So legte die ungarische Regierung in sogenannten Judengesetzen für die jüdische Bevölkerung einen Numerus clausus für bestimmte Wirtschaftszweige fest und schränkte für Jüdinnen und Juden das Wahlrecht ein. Auch die Einführung von Zwangsarbeiterbataillonen speziell für jüdische Männer, deren Einsatz an der Front im Zweiten Weltkrieg beispielsweise der ehemalige ‚Welthandels‘-Student Georg Stern zum Opfer gefallen ist, ist Ausdruck der verschärften Lage für Jüdinnen und Juden im Königreich Ungarn. Vor dieser mitunter lebensbedrohlichen Entwicklungen vermochte sich Familie Beretvás in den USA in Sicherheit zu bringen.

Nur wenige Monate nach der Einreise kam ihr Sohn Andrew Francis zur Welt (geb. 11. September 1939 in Los Angeles, gest. 31. Juli 2023 in Woodridge/Illinois), der später an der Universität von Chicago promovierte und jahrelang als Physiker am Fermi National Accelerator Laboratory arbeitete, einem Forschungszentrum für Teilchenphysik in der Nähe von Chicago.

1942 wurde Andor, der zu diesem Zeitpunkt als arbeitslos galt und mit seiner Familie in der North Normandy Avenue Nr. 1928 in Los Angeles wohnte, für die amerikanische Armee registriert. Dass er tatsächlich in den Streitkräften Dienst getan hat, konnte nicht nachgewiesen werden. Unbekannt ist auch, wann er sich mit seiner Familie nach Kanada begeben hat. Auf jeden Fall sind die Eheleute Beretvás wohl mit Andrew von Windsor aus (Provinz Ontario) am 9. September 1943 über den Detroit-Canada-Tunnel (heute: Detroit-Windsor-Tunnel) in die USA eingewandert, um Ende November 1943 einen Antrag auf die US-amerikanische Staatsbürgerschaft zu stellen. Zu diesem Zeitpunkt wohnte die Familie in Chicago in Nr. 5346 der South Cornell Avenue, dem sogenannten Cornell Towers Hotel. Ebenfalls am 9. September 1943 wanderte Andors Schwiegermutter Margit Eve Sellei (geb. 21. April 1878 in Budapest, gest. 1950, Mädchenname Schwarz) von Windsor aus über den Detroit-Canada-Tunnel nach Detroit ein. Sie war mit ihrem Mann, dem Dermatologen und Chefarzt Josef Balint Sellei (geb. 11. September 1871 in der damals ungarischen, heute rumänischen Stadt Temesvar/Timișoara), am 14. Oktober 1938 von Bremen aus auf der S.S. Europa, die ebenfalls von der Reederei Norddeutscher Lloyd betrieben wurde, nach New York gefahren; hier kamen Andors Schwiegereltern, die am 4. August 1900 in Budapest geheiratet hatten, am 20. Oktober 1938 an. Und wie Andor, Helen und Andrew Beretvás wohnten auch Margit und Josef Sellei im Cornell Towers Hotel. Josef ist allerdings 1943 gestorben, ihm war die Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft nicht mehr vergönnt.

 

In der Nachkriegszeit

Den Einbürgerungsanträgen von Andor, Helen und Margit hingegen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg stattgegeben. So konnten Helen, ihre verwitwete Mutter sowie Andor am 25. Januar 1949 vor dem Bezirksgericht von Chicago den Eid auf die amerikanische Verfassung ablegen, sie waren fortan amerikanische Staatsbürger*innen. Die Familie Beretvás wohnte zu diesem Zeitpunkt in Chicago in der South Paxton Avenue Nr. 6832. Andors Familie und seine Schwiegermutter haben somit den Zweiten Weltkrieg überlebt. Dasselbe gilt für Andors Schwester, die 1928 Árpád Solyom geheiratet hatte und Mutter von zwei Töchtern (Zsuzsi und Daisy) war: Erzsébet ist 1976 in Budapest verstorben. Es gilt allerdings nicht für den Vater von Andor und Erzsébet: Gyula Bottenstein kam am 5. Dezember 1944 in Budapest ums Leben – fast ein Dreivierteljahr, nachdem die deutsche Wehrmacht Ungarn besetzt hatte und die deutschen Besatzer bis Kriegsende gut 500.000 Jüdinnen und Juden ermordeten.

Mindestens in der ersten Hälfte der 1950er Jahre hat Andor Beretvás mehrfach in der amerikanischen Fachzeitschrift für Buchhaltungsfragen The Accountant Review publiziert. Damals arbeitete im Management von verschiedenen amerikanischen Hotelunternehmen.

Auch seine Frau, die 1931 an der Budapester Universität in Chemie promoviert hatte und als Chefchemikerin bei dem großen ungarischen Mineralöl- und Chemieunternehmen Lardoline Ltd. gearbeitet hatte, konnte sich beruflich mit Erfolg in den USA etablieren. Zwischen 1942 und 1947 war sie bei der Nox-Rust Chemical Company (heute: Daubert Chemical Company) in Chicago, das während des Zweiten Weltkriegs für die US-Marine Rostschutzmittel für Schiffe und Geschütze produzierte, verantwortlich für deren Forschungs- und Entwicklungslabor. Anschließend gehörte sie bis 1963 der Forschungsabteilung der American Oil Company an, die ihren Sitz in dem südlich von Chicago gelegenen Ort Whiting hatte. In diesem großen amerikanischen Mineralölkonzern wurde sie schließlich mit der Leitung der Abteilung für Forschungen zu Schmierstoffen betraut. Darüber hinaus publizierte auch sie – wohlgemerkt unter ihrem Mädchennamen – die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen und meldete – auch unter ihrem Ehenamen und teilweise zusammen mit Kollegen – Patente zu Fragen von Korrosionsschutz sowie Schmier- und Spezialprodukten auf Erdölbasis an. Noch im 21. Jahrhundert wird ein Aufsatz, den sie 1949 zu diesem Themenfeld in der Fachzeitschrift Petroleum Processing publiziert hatte, als „one of the most fruitful sources for the time period before 1950” angesehen (Rossrucker/Fessenbecker 2009, S. 253). 

Andreas Bottenstein alias Andor Beretvás, der in der Chicago Tribune als ehemaliger Unternehmensberater und Kapitalmarktanalyst für die private Krankenversicherung Bankers Life and Casualty Co. bezeichnet wurde, ist am 26. Oktober 1972 im Alter von 71 Jahren in Chicago (Illinois) gestorben. Vier Tage später wurde er auf dem katholischen Calvary Cemetery der nördlich von Chicago gelegenen Gemeinde Evanston begraben. Seine Frau Helen wurde im selben Grab beigesetzt, nachdem sie am 30. Juni 1996 gestorben war.

 

Autor: Johannes Koll
Unterstützung bei der Recherche: Katharina Graf

Bilder

Quellenhinweise

Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsarchiv, Studierendenkarteikarten und Diplomprüfungsliste.
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Thomas Rossrucker/Achim Fessenbecker: Sulfur Carriers, in: Leslie R. Rudnick (Hrsg.): Lubricant Additives. Chemistry and Applications, 2. Aufl. Boca Raton/London/New York 2009, S. 251-279.
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MyHeritage.com: Illinois, Erzdiözese Chicago, Friedhofsaufzeichnungen, 1864-1989 zu Andor Beretvas, http://www.myheritage.at /" rel="nofollow">http://www.myheritage.at / [22. September 2026].
Find a grave, https://de.findagrave.com/memorial/283765483/andor-beretvas [22. September 2026] zum Grab von Andor und Helene Beretvás.

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