Franz Wilhelm Prinz (später Frank William Prince)
- Geb. am: 1.12.1915
- Geburtsort: Wien
- Kategorie: Diplomstudiengang
- Heimatberechtigung: Wien (Wien), Österreich
- Staatsbürgerschaft: Österreich
Herkunft, Schule und Studium
Franz (Wilhelm) Prinz wurde am 1. Dezember 1915 als Sohn von Maria (auch Marie) und Isidor Prinz geboren, die im Jahr zuvor in St. Pölten geheiratet hatten. Am 28. September 1919 erhielt er mit Max einen Bruder.
Franz Prinz besuchte eine nicht bekannte Unterrealschule sowie die Handelsakademie VIII am Wiener Hamerlingplatz 5-6, an der er die Matura ablegte. Außerdem arbeitete er in der Fleischhauerei, die sein Vater in der Müllnergasse 2 (9. Wiener Gemeindebezirk) betrieb, und machte eine Ausbildung zum Fotografen. Im Wintersemester 1936/37 immatrikulierte er sich an der Hochschule für Welthandel. Hier belegte er bis zum Wintersemester 1937/38 drei Semester lang den Diplomstudiengang. Während des Studiums wohnte er bei seinen Eltern in der Müllnergasse 3, die schräg gegenüber der väterlichen Fleischhauerei gelegen war; bis Dezember 1931 bezog die Familie in diesem Haus Wohnung 28, danach Wohnung 31. Sein Ziel, an der ‚Welthandel‘ den akademischen Grad eines Diplomkaufmanns zu erwerben, konnte er allerdings nicht erreichen: Mit dem ‚Anschluss‘ Österreichs an das ‚Dritte Reich‘ (März 1938) war dem jüdischen Studenten frühzeitig klar, dass eine Inskription für das Sommersemester 1938 sinnlos war. Tatsächlich führten die Nationalsozialisten bald nach der Machtübernahme einen Numerus clausus für jüdische Studierende ein, und nach dem Pogrom vom 9./10. November 1938 wurde ihnen gar gänzlich das Betreten des Hochschulbodens verboten (siehe Koll 2017, Kap. 2). Die letzte Prüfung, die Franz Prinz an der ‚Welthandel‘ ablegte, datiert vom 17. Januar 1938, also aus der Zeit vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich.
Folgen des ‚Anschlusses‘ für Familienangehörige
Auch in anderen Hinsichten hatte der ‚Anschluss‘ für Franz und seine Familie dramatische Folgen. Im Sommer 1938 wurde dem Vater auf die für das NS-Regime typische pseudolegale Weise die Fleischhauerei entzogen. . Er selber gab ihren Wert in seiner Vermögensanmeldung vom Juli 1938 mit 6.902,20 Reichsmark an, während die Vermögensverkehrsstelle, eine staatliche Raubbehörde, den Wert auf 1.230 RM herunterrechnete. Zum kommissarischen Verwalter, der für den Verkauf oder die Stilllegung des Betriebes verantwortlich war, bestellten die zuständigen Behörden den Nationalsozialisten Johann (auch Hanns oder Hans) Hohleichl. Dieser war noch im November 1937 zusammen mit 28 anderen Nationalsozialisten vor dem Wiener Landesgericht nach dem Staatsschutzgesetz angeklagt worden, weil er als Angehöriger der NSDAP-Ortsgruppe von Wien-Rudolfsheim trotz des Betätigungsverbots, das die österreichische Bundesregierung im Juni 1933 für Angehörige dieser Partei erlassen hatte, Propagandamaterial für den Anschluss Österreichs ans ‚Dritte Reich‘ und für die Nazifizierung Österreichs verteilt hatte. Nachdem Hohleichl bereits sein eigenes Geschäft in der Schrotzbergstraße 6 (2. Wiener Gemeindebezirk) betrieben hatte, übernahm er nach dem tatsächlich erfolgten ‚Anschluss‘ die Fleischhauerei von Isidor Prinz als kommissarischer Verwalter. Überdies fungierte er zwischen Juli 1938 und Februar 1939 als kommissarischer Verwalter für die Fleischhauerei von Siegmund Kornmehl (geb. 16. September 1869) in der Berggasse 19 (9. Bezirk).
Um die Übernahme des Geschäfts von Isidor Prinz, dessen Jahresumsatz sich einem Gutachten zufolge auf 80.000 Reichsmark belief, bewarben sich insgesamt sechs Personen. Zunächst erhielt der Parteigenosse August Brenner (wohnhaft in der Pfeilgasse 18/1/9, 8. Bezirk) den Zuschlag. Dieser Fleischhauermeister sah sich aber nicht in der Lage, zusätzlich zu seinem eigenen Geschäft in der Kettenbrückengasse 18 (4. Bezirk) die Fleischhauerei von Isidor Prinz zu führen. Deshalb blieb Letzeres monatelang geschlossen. Als Nächster kam der Fleischhauergehilfe Rudolf Sittner zum Zug (wohnhaft in der Baumgasse 37/5, 3. Bezirk). Dieser erhielt das Geschäft in der Müllnergasse 2 für den geringen Preis von 725 Reichsmark, über den Isidor Prinz faktisch allerdings nicht verfügen konnte, weil er auf ein Sperrkonto eingezahlt wurde. Für Sittner erwies sich die Übernahme der Fleischhauerei in der Müllnergasse 2 selbst nach Entrichtung der „Entjudungsauflage“ im Wert von 1.000 Reichsmark, mit der der Fiskus ab Herbst 1938 die Differenz zwischen dem Verkehrswert und dem wesentlich geringeren Kaufpreis abschöpfte, zunächst einmal als ein Schnäppchen. Doch auch Sittner sah sich nicht in der Lage, den Betrieb von Isidor Prinz zu führen. Das Geschäft blieb geschlossen, und im November 1939 trat Sittner vom Kauf zurück. Von behördlicher Seite wurde die Zulassung der faktisch schon lange stillgelegten Fleischhauerei eingezogen. Durch die Unfähigkeit der „Ariseure“ war somit das kommerzielle Lebenswerk von Isidor Prinz innerhalb weniger Monate zerstört.
Neben dem Geschäft verlor Franz' Vater auch seine Vermögensbestände: Wertpapiere von mehr als 8.000 Reichsmark, Spareinlagen sowie Wertgegenstände wurden durch die Reichsfluchtsteuerstelle gesperrt. Darüber hinaus wurden – höchstwahrscheinlich entschädigungslos – sowohl Siegmund Kornmehl als auch Isidor Prinz die Kraftwägen entzogen, die sie privat oder für ihr jeweiliges Unternehmen mindestens seit 1937 besessen hatten: Bei Kornmehl handelte es sich um einen Pesonenkraftwagen von Gräf und Stift mit dem amtlichen Kennzeichen A16303 sowie um einen Lastkraftwagen von Fiat mit dem Kennzeichen A50314, bei Prinz um einen PKW von Steyr mit dem amtlichen Kennzeichen A29046, den auch Franz und Max gefahren waren.
Auch Franz' Mutter wurde vom nationalsozialistischen Raubstaat um ihr Vermögen gebracht. Das Wohnhaus in der Hauptstraße 11 in Scheibbs (Niederösterreich bzw. Niederdonau), das Maria Prinz und ihre Schwester Ida Hand (geb. 5. Juni 1891 in Bischofstetten) nach dem Tod ihrer Mutter Franziska Greger seit Dezember 1925 je zur Hälfte gehörte und dessen Wert sie selber mit 10.000 Reichsmark bezifferte, wurde am 18. März 1943 auf der Grundlage der 11. Verordnung vom Reichsbürgergesetz dem Deutschen Reich einverleibt. Diese scheinlegale Rechtsgrundlage hatte sich der nationalsozialistische Raubstaat im November 1941 selber gegeben, um sich das Vermögen jener Jüdinnen und Juden anzueignen, die von ihm selber deportiert und getötet worden waren.
Genau dies war bei den Familien Prinz und Hand der Fall. Sowohl die Eltern von Franz Prinz als auch seine Tante Ida und deren Familie fielen nämlich der Shoah zum Opfer. Isidor Prinz (geb. 10. März 1885 als Sohn von Feit Ferdinand und Sali Prinz in Holitsch/Holič) und Maria (geb. 26. oder 28. März 1887 als Tochter von Karl und Franziska Greger in Bischofstetten) zogen am 29. Oktober 1940 von der Wohnung in der Müllnergasse 3 in die Servitengasse 5/7 (ebenfalls 9. Bezirk) um; ob sie die frühere Wohnung aus finanziellen Gründen oder auf behördliche Anordnung hin hatten aufgeben müssen, ist unbekannt. Jedenfalls wurde das Ehepaar Prinz am 14. September 1942 von der Servitengasse aus zum Wiener Aspangbahnhof verbracht und von hier aus mit insgesamt 1.000 Jüdinnen und Juden um 19:08 Uhr mit Zug Da 227 nach Maly Trostinec deportiert. Verharmlosend hieß es in den Meldeunterlagen zu dieser Reise in den Tod: „Minsk mit Gattin“. Vermutlich unmittelbar nach Ankunft des Zuges südöstlich von Minsk wurden die Eltern von Franz und Max vier Tage nach der Abfahrt aus Wien von Mitgliedern der Waffen-SS und der Schutzpolizei im Wäldchen von Blagowschtschina erschossen oder in Gaswagen erstickt. Mit denselben Deportationszügen wurden Ida Hand, deren Ehemann, der bei den Österreichsichen Bundesbahnen angestellte Ingenieur Martin (geb. 17. Juni 1882 in Wien), und die gemeinsame Tochter Ilse (geb. 19. Februar 1921 in Scheibbs) von der Hollandstraße 14/13 (2. Bezirk) in den Tod geschickt.
Konzentrationslager Dachau
Mit dem brutalen und menschenverachtenden Gesicht des Nationalsozialismus sah sich auch Franz konfrontiert: Nur wenige Tage nach dem von den Nationalsozialisten euphemistisch als „Reichskristallnacht“ bezeichneten Pogromen vom 9. und 10. November 1938 wurde er als sogenannter „Schutzhaftjude“ ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Wann er entlassen wurde, ist nicht dokumentiert. Die meisten der etwa 3.000 jüdischen Männer aus Wien, die im Zuge der Verhaftungswelle vom November 1938 nach Dachau deportiert wurden, kamen erst im Laufe des ersten Halbjahres von 1939 frei, und zwar unter der Bedingung, dass sie innerhalb von 14 Tagen das ‚Großdeutsche Reich‘ verlassen würden (Botz 2008, S. 522 f.).
Emigration: Über Großbritannien in die USA
Genau hierum hatte sich Franz Prinz schon lange vorher bemüht. Schon im Mai 1938 hatte er gegenüber der Israelitischen Kultusgemeinde Wien angegeben, zusammen mit seinem Bruder Max, der sich auf Radio- und Elektrotechnik spezialisiert hatte, nach Australien mit dem Ziel auswandern zu wollen, „in irgendeinem Unternehmen unterzukommen, das in meinen erlernten Kenntnissen einschlägig ist, am liebsten in einem Exportunternehmen [,] das in der Fleisch- oder Radioindustrie womöglich einschlägig ist.“ (MyHeritage: Auswanderungsantrag Franz Prinz vom Mai 1938)
Statt nach Australien emigrierten Franz und Max zunächst nach Großbritannien. Im südenglischen Richborough (Grafschaft Kent) wurde das Brüderpaar im sogenannten Kitchener Camp untergebracht. Hierbei handelte es sich um ein Auffang- und Durchgangslager für verfolgten Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich, an dem sich zu diesem Zeitpunkt mit Alfred Diamant bereits ein weiterer jüdischer Student der Hochschule für Welthandel aufhielt. Von hier aus gelangte Franz, vermutlich zusammen mit seinem Bruder, auf der S.S. Voldendam in die USA. Das Schiff, das von der Holland-America-Line betrieben wurde, legte am 19. Dezember 1939 in Southampton ab und erreichte am 30. Dezember New York.
In den Vereinigten Staaten fanden Franz und Max eine Unterkunft in der Whitney Avenue Nr. 149 in Bridgeport (Connecticut) bei der jüdischen Familie Heyum. Der Fleischhauer Otto und seine Frau Jennie sowie die Kinder Ruth Babette, Paula und Herman Heyum stammten ursprünglich aus der rheinischen Ortschaft Dromersheim (bei Bingen am Rhein) und waren ebenfalls vor dem nationalsozialistischen Terror in die USA geflohen. Die Prinz-Brüder amerikanisierten im amerikanischen Exil ihre Namen: Franz Wilhelm nannte sich fortan Frank William Prince, sein Bruder Max (auch Mac oder Mack) James Prince. Beide fanden Arbeit (Mac beispielsweise beim Unternehmen City Lumber), und beide dienten während des Zweiten Weltkriegs in den US-Streitkräften; auf diese Weise leisteten sie einen Beitrag zur Befreiung Europas vom NS-Regime. Schließlich erhielten sowohl Frank als auch Mac die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Ende November 1946 stellten Frank und Max von Bridgeport aus einen Antrag auf Rückübertragung der Eigentumsrechte an dem oben erwähnten Haus ihrer Mutter und ihrer Tante in Scheibbs sowie der geraubten Vermögenswerte ihrer Eltern. Vier Jahre später gab die zuständige Finanzlandesdirektion für Wien, Niederösterreich und Burgenland dem Antrag auf der Grundlage des Ersten Rückstellungsgesetzes vom 26. Juli 1946 statt. Rechtskraft erlangte der Beschluss am 12. Dezember 1951.
Zuletzt wohnte Franz/Frank, der mit Ruth verheiratet war, in Fairfield in der Lounsbury Road Nr. 112. Er starb am 4. Oktober 2009 im Alter von 93 Jahren. Vier Tage später wurde er auf dem Congregation B’nai Israel Cemetery (201 Kings Highway East) begraben.
Sein Bruder Max, der mit Jane Slade Prince (geb. 30. November 1924 in East Providence [Rhode Island] als Tochter von Benjamin Howard und Bessie L. Slade, gest. 11. Dezember 2017 in South Kingstown) verheiratet gewesen war und mit ihr drei Kinder (William, Mary-Anne und Russell) gehabt hatte, war bereits am 8. Oktober 2001 im Alter von 82 Jahren verstorben. Max wurde auf dem New Fernwood Cemetery in South Kingstown (3071 Kingstown Road) beigesetzt. Am 15. Dezember 2017 wurde hier auch Maxʼ Frau Jane bestattet.
Autor: Johannes Koll
Quellenhinweise
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Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsarchiv, Studierendenkarteikarte Franz Prinz.
Johannes Koll: „Da mosaisch zu den Rigorosen nicht zugelassen“. Verfolgung und Vertreibung von Studierenden an der Wiener Hochschule für Welthandel nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs, in: Ders. (Hrsg.): „Säuberungen“ an österreichischen Hochschulen 1934–1945. Voraussetzungen, Prozesse, Folgen, Wien/Köln/Weimar 2017, S. 197-241.
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Neunundzwanzig Nationalsozialisten vor Gericht, in: Kleine Volks-Zeitung, 83. Jg., Nr. 320 (laufende Nummer 29667) vom 20. November 1937, S. 8-10.
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