Aniela Lerner (verheiratete Lichtenstein)
- Geb. am: 9.06.1916
- Geburtsort: St. Petersburg (Са́нкт-Петербу́рг),
- Kategorie: Diplomstudiengang
- Heimatberechtigung: Zawiercie (Zawiercie),
Herkunft und Schulzeit
Aniela Lerner war die Tochter des gelernten Buchhalters Laiser (auch Lajser Ludwik) Lerner (geb. 17. Mai 1880 in Tschenstochau/Częstochowa als Sohn von Joachim und Chana Anna Lerner), der in der polnischen Stadt Zawiercie als Beamter tätig war, und von dessen Ehefrau Regina Lerner (geb. 7. Mai 1890 in Tschenstochau als Tochter von Maksymilian und Aleksandra Lewi). Mit Edward (geb. 22. April 1912 in Tschenstochau) hatte Aniela einen Bruder.
Nachdem ihre Familie 1920 von Russland, das gut ein Jahr nach ihrer Geburt infolge der bolschewistischen Revolution zu einem kommunistischen Staat geworden war, nach Polen zurückgekehrt war, besuchte Aniela ab 1924 in Zawiercie die Volksschule des Humanistische Gymnasium Helena Malczewska. Zwei Jahre später wechselte sie an dieses Gymnasium; hier legte sie 1936 die Matura ab.
Studien in Wien und St. Gallen und der ‚Anschluss‘ Österreichs
Schon zum Wintersemester 1936/37 hatte sich Aniela Lerner um einen Studienplatz an der Wiener Hochschule für Welthandel beworben. Obwohl sie ihren eigenen Angaben zufolge von der Hochschule eine Zusage erhalten hatte, verzögerten die polnischen Behörden die Ausreise nach Österreich. Deshalb besuchte Aniela zunächst sieben Monate lang eine Privatschule für englische Sprache in Warschau, wo sie überdies auch Französisch lernte. Zum Wintersemester 1937/38 konnte sie sich dann an der ‚Welthandel‘ für den Diplomstudiengang einschreiben, nachdem sie endlich ihren Studienpass erhalten hatte. Wie sie selber berichtete, war es „am Anfang […] ein bischen [sic] schwer, aber nach 2 Monaten habe ich die [deutsche] Sprache so beherrscht, daß ich ganz gut lernen konnte.“ (undatierte Lebenslauf [vermutlich Frühjahr oder Sommer 1938], Universitätsarchiv St. Gallen) Der ‚Anschluss‘ Österreichs an das ‚Dritte Reich‘ (März 1938) aber machte es der jüdisch-polnischen Studierenden unmöglich, ihr Studium in Wien fortzuführen. Mitte Juni 1938 konnte sie zwar noch Teile der Ersten (allgemeinen) Prüfung ablegen, erhielt hierüber aber kein Zeugnis. Nach nur zwei Semestern wurde Aniela Lerner im Zusammenhang mit der rassistisch motivierten ‚Säuberung‘ der österreichischen Hochschulen durch das NS-Regime am 27. Juni 1938 abgemeldet und erhielt ein Abgangszeugnis.
Am 1. Juli 1938 meldete Aniela ihre Wohnung in der Heiligenstädterstraße 5/5 (19. Wiener Gemeindebezirk), wo sie mit Adela Romanowska eine Wohngemeinschaft gebildet hatte, ab und kehrte in ihre Wohnung in der Juliusza Słowackiego 15 von Zawiercie zurück.
Noch während ihres Aufenthalts in Wien bewarben sich diese beiden jüdischen Polinnen um einen Studienplatz an der Handelshochschule St. Gallen, die genauso wie die Vorgängerin der Hochschule für Welthandel, die kaiserlich-königliche Exportakademie, im Jahr 1898 gegründet worden war. Tatsächlich konnte sich Aniela Lerner im November 1938 in der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der St. Gallener Handelshochschule immatrikulieren. Insgesamt war sie zwei Semester lang inskribiert, ihre Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz erstreckte sich vom 19. August 1938 bis zum 31. Juli 1939. Alle Kurse, die sie in Wien mit Erfolg abgeschlossen hatte, wurden ihr von der St. Gallener Handelshochschule angerechnet. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der im September 1939 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Anielas Heimatland Polen begann, wurden ihre Hoffnungen auf eine Fortsetzung des Studiums in der Schweiz allerdings Makulatur. Ihr Versuch, 1940 noch einmal in St. Gallen studieren zu können, wurde von den Schweizer Behörden mehrfach zurückgewiesen. Obwohl die Handelshochschule ihren Antrag mit hohem Engagement unterstütze und sich zusammen mit mehreren Schweizer Privatpersonen zur Übernahme der Kosten eines zweiten Studienaufenthalts in St. Gallen bereit erklärte, verweigerten die Einreisebehörden ihre Zustimmung. Dass Aniela als Jüdin im besetzten Polen in Lebensgefahr war, fand bei dieser Entscheidung keine Berücksichtigung.
Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg
Unter welchen Umständen Aniela Lerner Zweiten Weltkrieg und Holocaust überlebt hat, lässt sich nicht genau rekonstruieren. Belegt ist, dass sie ab September 1943 im hessischen Landkreis Alsfeld Zwangsarbeit verrichten musste. Ob sie in einem der ortsansässigen Unternehmen, in einem Privathaushalt oder in der Landwirtschaft eingesetzt wurde, lässt sich im Nachhinein nicht überprüfen. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde sie jedenfalls von der United Nations Relief and Rehabilitation Administration betreut, die für die Versorgung der Displaced Persons verantwortlich war.
Emigration in die USA
Im August 1949 wanderte Aniela Lerner in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Hier lernte sie Robert B. Lichtenstein kennen (geb. 8. Dezember 1913, gest. 17. Mai 1989), der als Professor an dem von Jesuiten gegründeten Canisius College (seit 2023: Canisius University) in Buffalo (Bundesstaat New York) arbeitete und den sie heiratete. Nach der Eheschließung erhielt sie im März 1952 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Dass dies durch das Bezirksgericht Boston (Massachusetts) geschah, ist darauf zurückzuführen, dass Aniela und Robert zu diesem Zeitpunkt in Brookline (Thatcher Street Nr. 55) wohnten, einem Teil der Metropolregion Boston. Später lebte das Paar in der Jasper Drive Nr. 137 von Buffalo.
In den USA hat Aniela Lichtenstein verschiedene universitäre Ausbildungen absolviert und sich schlussendlich für eine bibliothekarische Berufstätigkeit entschieden. Zwischen 1951 und 1953 belegte sie am Middlebury College, einer Privathochschule in Middlebury (Vermont), einen Masterstudiengang in russischer Sprache und Literatur. 1955/56 schloss sie einen Master of Library Science am Bostoner Simmons College (heute: Simmons University) an. Überdies arbeitete sie zwischen 1952 und 1955 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department of Government der Universität Harvard und 1956/57 als Bibliotheksassistentin am Lesley College (seit 2001: Lesley University) in Cambridge (Massachusetts). 1957 wechselte sie zur National Library of Medicine in Washington, wo sie bis 1962 in der Katalogisierung tätig war. Anschließend fand sie eine Anstellung als Bibliothekarin am State University College of Education in Buffalo (heute: Buffalo State University), das schon damals zur State University of New York gehörte.
Gestorben ist Aniela Lichtenstein-Lerner am 1. März 2004 in Buffalo. Sie und ihr Mann Robert wurden auf dem Friedhof Forest Lawn begraben, ganz in der Nähe des Canisius College. Hingegen wurden ihr Vater, dessen Eltern sowie einige seiner Geschwister auf dem Jüdischen Friedhof von Tschenstochau begraben, auf dem während der deutschen Besatzung Polens zahlreiche polnische Jüdinnen und Juden beigesetzt wurden – zum Teil nach Hinrichtungen auf dem Friedhof oder nach tödlich verlaufenen Massakern, welche die Nationalsozialisten im Zuge von politischer oder rassistischer Verfolgung insbesondere im Jahr 1943 in der Stadt durchführten. Inwieweit Laiser Lerner und seine Verwandten zu den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung zu zählen sind, muss an dieser Stelle offen bleiben.
Mit ihrem Mädchennamen Lerner ist Aniela auf dem Mahnmal für die vom nationalsozialistischen Regime verfolgten Angehörigen der Hochschule für Welthandel verewigt, das am 8. Mai 2014 auf dem Campus der Wirtschaftsuniversität Wien, der Nachfolgerin der Hochschule für Welthandel, eröffnet wurde.
Anmerkung: In den konsultierten Archiven und Datenbanken werden zu Aniela Lerner verschiedene Daten angegeben. So finden sich als Geburtsdaten 9. Juni 1916, 9. April 1916 und 9. Juni 1918, vereinzelt aber auch weitere Daten wie 1. Juni 1918. Tatsächlich handelt es sich um ein und dieselbe Person.
Autor: Johannes Koll
Quellenhinweise
Einträge von Rosyln Janice Patchi zu Aniela Lerner [Stand: 21. August 2019, abgerufen 13. August 2026] und von Mikael Kanski zu Lajzer Ludwik, Regina und Edward Lerner [Stand jeweils 25. Oktober 2018, abgerufen 13. Oktober 2026], http://www.geni.com/people/Aniela-Lerner/6000000103880239028, http://www.geni.com/people/Lajzer-Ludwik-Lerner/6000000083421484239, http://www.geni.com/people/Regina-Lerner/6000000083421186412 und http://www.geni.com/people/Edward-Lerner/6000000083421385238.
Ośrodek KARTA: Polska 1926. Portret Zbiorowy II RP, Szkoły średnie, Bd. 7, S. 172, http://nieskonczenieniepodlegla-ludzie.pl/podpisy/32205 [28. Oktober 2021] zum Schulbesuch von Aniela Lerner in Zawiercie.
Wirtschaftsuniversität Wien, Universitätsarchiv, Studierendenkarteikarte und Diplomprüfungsliste.
Meldeauskunft des Wiener Stadt- und Landesarchivs, GZ MA 8 – B-MEW – 119415/2013.
Universitätsarchiv St. Gallen, Dokumente zu Aniela Lerner (mit Dank an Linda Zaugg, Luzern) unter Einschluss des Zitats aus dem undatierten Lebenslauf von Aniela Lerner (vermutlich vom Frühjahr oder Sommer 1938) zum Studium an der Hochschule für Welthandel.
Staatsarchiv St. Gallen, A 143-01.1_05275 Lerner Aniela (mit Dank an Linda Zaugg, Luzern).
Meldeauskunft des Wiener Stadt- und Landesarchivs, GZ MA 8 – B-MEW – 119415/2013.
Arolson Archives: Registrierungen von Ausländern und deutschen Verfolgten durch öffentliche Einrichtungen, Versicherungen und Firmen (1939-1947), Durchführung der Alliiertenbefehle zur Erfassung von Ausländern und deutschen Verfolgten sowie verwandte Dokumente, amerikanische Besatzungszone in Deutschland, Ursprüngliche Erhebung, Liste F 1 vom 18. Juni 1947 zu Personen mit polnischer Nationalität im Landkreis Alsfeld, Sign. DE ITS 2.1.1.1 HE 001 POL 7 ZM, DocID: 70295537, https://collections.arolsen-archives.org/de/document/70295537 [22. Oktober 2026].
E-Mail von Dr. Monika Hölscher (Alsfeld) an PD Dr. Johannes Koll vom 4. November 2026.
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Find a Grave, https://de.findagrave.com/memorial/252924073/aniela-lichtenstein [24. Oktober 2026] zum Grab von Aniela und Robert Lichtenstein.
Find a Grave, https://de.findagrave.com/memorial/198347637/ludwik_lajzer-lerner [27. Oktober 2026] zum Grab von Anielas Verwandten väterlicherseits in Tschenstochau.