Rudolf Camperlik (später Rudolf Camp)

  • Geb. am: 11.01.1906
  • Geburtsort: Wien
  • Kategorie: Doktorratsstudiengang
  • Heimatberechtigung: Wien (Wien),

Familie – Studium – Emigration

Rudolf Camperlik war einer der Söhne von Berthold (geb. 13. Februar 1870 in Pavlovice/Bezirk Benešov als eines von mehreren Kindern von Leopold und Josefa Camperlik) und Olga Camperlik (geb. 6. April 1877 im böhmischen Dobkau/Dobkov, Mädchenname Goldreikh, auch Goldreich), die am 26. Dezember 1898 in der Wiener Synagoge in der Seitenstättengasse geheiratet hatten. Rudolfs Vater, dessen Nachname gelegentlich auch als Čamperlik angegeben wurde, führte in der Kleistgasse 19 (3. Wiener Gemeindebezirk) eine Warenhandlung für Spezereien, die er wohl aus Altersgründen 1936 zum Verkauf anbot. Neben Rudolf sind aus Bertholds Ehe mit Josefine, Erwin Emmanuel, Anna und Irene vier weitere Kinder hervorgegangen, von denen allerdings die beiden ältesten Geschwister 1899 bzw. 1900 noch im Babyalter gestorben waren.

Nach dem Besuch der Bundesrealschule im 11. Wiener Gemeindebezirk (Gottschalkgasse 21, heute GRG 11) war Rudolf Camperlik im Wintersemester 1924/25 und Sommersemester 1925, im Wintersemester 1931/32 sowie im Wintersemester 1937/38 und Sommersemester 1938 an der Hochschule für Welthandel für den Diplomstudiengang inskribiert. Zwischendurch hat er an der Handelshochschule Leipzig studiert. Sein Diplomstudium hat er in Wien 1933 beendet, das Zeugnis erhielt er allerdings erst Ende Juni 1937. Während seines Studiums bot er über Zeitungsanzeigen Nachhilfeunterricht „in sämtlichen Realschulfächern“ an.

An einer geplanten Promotion wurde der jüdische Student durch den 'Anschluss' Österreichs gehindert, am 22. August 1938 wurde Camperlik von der Hochschule für Welthandel abgemeldet. Die elterliche Wohnung an der Ecke Kleistgasse 19/10 und Khunngasse 14, in der er seit 1928 gemeldet war und in der sich auch das Geschäft seines Vaters befand, hat Rudolf Camperlik am 30. Januar 1938 verlassen und sich nach Brüssel begeben. Vermutlich hier aus ist er von nach Paris gereist, wo er zeitweilig in der Rue Chardon Lagache Nr. 58 gewohnt hat.

Schließlich gelang es Rudolf Camperlik, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Im März 1940 erreichte er New York. Hier hat er das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt; damals war er unter der Adresse 158 West 78th Street registriert. Am 27. Juni 1945 wurde ihm im New Yorker Southern District die US-amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen Nachnamen in Camp geändert. Später zog der ehemalige ‚Welthandels‘-Student nach Los Angeles, wo er als Handelsvertreter tätig war. Am 3. April 1948 heiratete Rudolf Camp in Las Vegas Salome Rudac (geb. 28. Dezember 1918 in der lettischen Hafenstadt Libau/Liepāja), die möglicherweise vor der sowjetischen oder der nationalsozialistischen Besetzung Lettlands (1940/41 bzw. 1941–1945) geflohen war. Salome Camp, die bis zu diesem Zeitpunkt staatenlos war, erhielt auf den Tag genau sieben Jahre nach ihrem Mann die amerikanische Staatsbürgerschaft. Zu diesem Zeitpunkt wohnte das Paar in Los Angeles unter der Adresse 2620 Clarmont Avenue. In derselben Stadt gebar Salome im April 1949 einen Sohn. Rudolfs Frau ist am 21. Juni 1983 unter dem Namen Salome Lola Traub in Los Angeles gestorben, Rudolf selber verstarb vermutlich im März 1986 im Alter von 80 Jahren.

Auch den beiden Schwestern von Rudolf Camperlik, die die NS-Zeit erlebten, gelang die Flucht nach Amerika. Irene (geb. 1903, gest. 6. November 1988 im kalifornischen Santa Cruz County) konnte mit ihrem Ehemann Egon Lann (geb. 7. Februar 1898 im böhmischen Brüx/Most, gest. 7. Dezember 1986 im kalifornischen Soquel, Santa Cruz County), den sie 1933 in Wien-Mariahilf geheiratet hatte, am 9. September 1939 über Havanna nach Florida emigrieren. Ihr sollte gut zwei Monate später Anna (geb. 2. Januar 1902 in Wien) folgen. Sie hatte in der Schlickgasse 6 (9. Wiener Bezirk) ein Geschäft für Mode- und Strickwaren geführt. Am 18. Januar 1931 hatte Anna in Wien-Favoriten den ebenfalls jüdischen Hersteller von Handschuhen Siegfried Guttmann (geb. 28. Januar 1894 in der südmährischen Gemeinde Schaffa/Šafov) geheiratet; gut ein Jahr nach der Eheschließung war Tochter Charlotte (geb. 3. Januar 1932 in Wien) auf die Welt gekommen. Die Wohnung in der Liechtensteinstraße 17 (9. Bezirk) muss Anna mit ihrer Familie 1938 oder 1939 verlassen haben. Zunächst gelangte auch sie nach Kuba, das unter starkem politischem und wirtschaftlichem Einfluss der Vereinigten Staaten stand. Am 17. November 1939 fuhr sie auf der S.S. Florida mit Siegfried und Charlotte von Havanna aus in die USA.

 

Verfolgung von Familienangehörigen: Rudolfs Eltern

Mehrere Verwandte von Rudolf Camperlik wurden vom NS-Regime verfolgt. Dies schloss die systematische Beraubung, die Vertreibung ins Exil (wie bei Rudolf und seinen Schwestern) und die Ermordung von Familienangehörigen ein. 

Zu den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung gehörten schon seine Eltern. Das 1873 erbaute Haus in der Erlachgasse 80 (10. Wiener Gemeindebezirk), das Berthold und Olga Camperlik seit 1905 je zur Hälfte besaßen, wurde im Sommer 1939 unter Zwangsverwaltung gestellt. Das Pfandrecht des mehrstöckigen Gebäudes wurde nach einer Klage der Zentralsparkasse der Gemeinde Wien und anderer Gläubiger zugunsten des Deutschen Reiches einverleibt, das dadurch die Voraussetzungen zu einer Veräußerung zu seinen Gunsten schuf. Und das Drittel, das seit Sommer 1918 Berthold von dem Landhaus in der Wallnerstraße 55 (Eichgraben im Wiener Wald) gehörte, wurde von der sogenannten Vermögensverkehrsstelle Rosa Meßlitzer (infolge einer Eheschließung ab 1940: Rosa Pitsch) zu einem Preis verkauft, der 3.500 Reichsmark unter jenem Wert lag, den Berthold selber gegenüber dieser staatlichen Rauborganisation in seiner Vermögensanmeldung vom 29. Juni 1938 angegeben hatte. Nach dem Krieg konnten Rudolf Camperlik, der sich in den Akten des Abgeltungsfonds‘ als „Rudy Camp“ bezeichnete, und seine Schwestern Anna, die ihren Nachnamen in Gutman amerikanisiert hatte, und Irene Lann auf der Grundlage des Ersten Rückstellungsgesetzes vom 26. Juli 1946 einen Teil des elterlichen Immobilienbesitzes als Eigentum übernehmen: Im Dezember 1951 sprach ihnen die Finanzlandesdirektion für Wien, Niederösterreich und das Burgenland die Rückstellung des Hauses in der Erlachgasse zu. Hingegen lehnte der ‚Fonds zur Abgeltung von Vermögensverlusten politisch Verfolgter‘ im Jahr 1965 den Antrag der Kinder von Berthold und Olga Camperlik auf weitere Abgeltungszahlungen ab, da weder die Konfiskation der Bankguthaben erwiesen sei noch die Zahlung der nationalsozialistischen ‚Reichsfluchtsteuer‘ und der ‚Judenvermögensabgabe‘ durch die Eltern nachgewiesen werden könne.

Rudolfs Eltern wurden im Zuge nationalsozialistischer Verfolgung auch getötet. Im Unterschied zu vielen anderen Ehepaaren wurden Berthold und Olga Camperlik nicht gemeinsam deportiert. Dies lag daran, dass Rudolfs Vater laut der makaber anmutenden Formulierung in den städtischen Meldeunterlagen am 1. Oktober 1938 aus Wien „abgereist“ war. Berthold ließ sich in Prag nieder, wo er mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der Errichtung des ‚Reichsprotektorats Böhmen und Mähren‘ im März 1939 erneut mit nationalsozialistischer Verfolgung konfrontiert war. Als Wohnadressen finden sich in verschiedenen Quellen Spořilov 952 und Táborská 89. Wegen seines jüdischen Glaubensbekenntnisses wurde der Vater von Rudolf Camperlik in Theresienstadt/Terezín inhaftiert. Wohl in diesem Ghetto und Konzentrationslager ist Berthold am 24. Juni 1942 gestorben, anschließend wurde er auf dem 1890 eröffneten Neuen Jüdischen Friedhof in Prag beigesetzt.

Rudolfs Mutter Olga wurde am 2. Juli 1942 von der Familienwohnung in Wien über Prag nach Theresienstadt verbracht. Von hier aus wurde sie am 15. Oktober 1942 nach Treblinka weiter deportiert. Vor allem die älteren Personen, zu denen Rudolfs Mutter zählte, wurden bald nach der Ankunft des Zuges im dortigen Vernichtungslager (17./18. Oktober 1942) getötet. Tatsächlich hat niemand aus dem Deportationszug vom 15. Oktober das Kriegsende erlebt.

 

Verfolgung von Familienangehörigen: Weitere Verwandte

Unter den fast 2.000 Jüdinnen und Juden des erwähnten Deporationszugs vom 15. Oktober 1942, mit dem Rudolfs Mutter Olga in den Tod geschickt wurde, befand sich auch ihre älteste Schwester Kamilla Goldreich (geb. 28. Mai 1875 in Dobkau), die mit Ernst Lengsfeld (geb. 1873 in Humpolec/Humpoletz, gest. 26. Februar 1940) verheiratet und Mutter von drei Kindern war. Ehe sie nach Treblinka in den Tod geschickt wurde, war sie am 6. Juli 1942 mit etwa 1.000 weiteren Jüdinnen und Juden von Prag, wo sie in der Malá Štupartská 9 gelebt hatte, nach Theresienstadt verbracht worden. Nach Theresienstadt wurde auch Kamillas jüngster Sohn Ervín (geb. 7. Februar 1903 in Arnau/Hostinné) deportiert, und zwar nicht einmal drei Monate, bevor die SS das Konzentrationslager aufgab, um sich vor der heranrückenden Roten Armee in Sicherheit zu bringen.

Ein anderer Cousin von Rudolf Camperlik machte leidvolle Erfahrungen mit den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald. Leo Camperlik (geb. 21. August 1912 in Wien als Sohn von Karl und Irma Camperlik, gest. 26. Januar 1980 in Philadelphia), der in der Kranzgasse 22 (15. Wiener Gemeindebezirk) ein Geschäft für Wirkwaren führte, wurde am 25. Mai 1938 von der Geheimen Staatspolizei wegen der Beteiligung an einer nicht näher spezifizierten „Aktion“ und „Rauferei“ verhaftet und sechs Tage später als sogenannter „Schutzjude“ in das erste KZ eingeliefert, das das NS-Regime im März 1933 als Teil seiner staatsterroristischen Instrumentarien errichtet hatte. Aus Dachau entlassen wurde Leo Camperlik am 22. September. Doch statt in seine Wohnung in der Stadlergasse 10 (13. Bezirk) zurückkehren zu können, wurde er sogleich nach Buchenwald überführt, wo er um sieben Uhr des Folgetages ankam. Aus diesem Konzentrationslager wurde er am Abend des 30. Dezember 1938 entlassen. Nach den bitteren Erfahrungen mit nationalsozialistischer Verfolgung hat er das Deutsche Reich ehestmöglich verlassen. Im Frühjahr 1939 begab er sich zunächst nach Frankreich, wo ihm am 25. Februar sein Visum für die USA ausgestellt wurde. In Paris traf er vermutlich seine Mutter Irma (geb. 27. Juli 1879 in Dobkau, gest. 10. April 1943 in New York, beigesetzt auf dem Beth-El Cemetery in Paramus/New Jersey); die jüngere Schwester von Olga Camperlik hatte im 16. Arrondissement eine Unterkunft gefunden (58, Rue Chardon-Lagache). Von Cherbourg aus stach Leo sodann am 18. März auf der S.S. Queen Mary in See und kam fünf Tage später in New York an. Am 25. September 1942 trat Leo Camperlik in die US-amerikanische Armee ein, im Februar des Folgejahres beantragte er in Augusta (Georgia), wo er im Camp Gordon im 551. Engineer Battalion eingesetzt war, die amerikanische Staatsbürgerschaft. Wie sein Cousin Rudolf änderte er im Exil seinen Nachnamen in Camp. Nach dem Krieg konnte sich Leo Camp in den USA als erfolgreicher Geschäftsmann etablieren: 1946 gründete er in Reading (Philadelphia) das Unternehmen Camp and McInnes Co., das in dem noch heute [2026] nach ihm benannten Camp Building (1801 North 12th Street) Strümpfe herstellte. Außerdem engagierte er sich in mehreren jüdischen wie nicht-jüdischen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Organisationen. Mit seiner Gattin Henrietta (geb. 9. Januar 1921 in Reading, Pennsylvania, gest. im Februar 1982 im Berks County, Mädchenname Greenfield) hatte Leo zwei Söhne. 

Die Mutter von Leo Camperlik, die seit dem Tod ihres Mannes Karl (geb. 13. Januar 1879 in Wlaschim/Vlašim, gest. 1. Mai 1935 in Wien) verwitwet war, emigrierte zuerst nach Kuba. Nachdem sie unter dem Datum des 17. Juli 1940 ihr Visum für die Vereinigten Staaten erhalten hatte, fuhr Irma Camperlik auf der S.S. Oriente in die USA, wo ja bereits etliche Verwandte unter Einschluss ihrer Brüder Rudolf Goldreich (geb. 28. Februar 1884 in Dobkau, gest. 16. Januar 1953 in den USA) und Erwin Goldreich (geb. 19. Februar 1890 in Přelouč, gest. 20. Januar 1954 in Wien) mit ihren Familien eine sichere Zuflucht gefunden hatten.

Zu den Angehörigen der Familie Camperlik, die dem Holocaust dank Emigration entkommen konnten, zählte schließlich auch Leos Schwester Josefine (geb. 1903 in Wien, gest. 6. August 1992 in Pompano Beach/Florida). Sie hatte an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien (heute: mdw – Universität für Musik und Darstellende Kunst) fünf Jahre lang Klavier bei dem bekannten Komponisten Franz Schmidt studiert, selber Musikunterricht erteilt und war jahrelang in der Textilbranche tätig gewesen. 1931 hatte Josefine Camperlik in Wien-Favoriten den Lederfachmann Emil Fischmann (geb. 18. November 1894 in Österreich, gest. im Dezember 1982 in Miami Beach/Florida) geheiratet, mit dem sie Sohn Peter hatte (geb. 9. April 1933 in Wien, gest. 15. Februar 2012 in Florida). In den USA fand Josefine Camperlik (wohl mit ihrer Familie) eine Unterkunft in Brooklyn (824 Sterling Place) und amerikanisierte im Exil ebenso wie ihr Mann und ihr Sohn ihren Nachnamen in Fischman.

 

Autor: Johannes Koll

Bilder

Quellenhinweise

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